Birds, Father and Mathematics. Balbakken October 2012 – April 2013

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Munan Øvrelid (NO)
– Grafiken, Fotos, Tuschezeichnungen, eine Skulptur und eine Toninstallation.
Eröffnung: 27. September 2013, 19 - 21 Uhr.
Ausstellungszeitraum: 28.09 - 05.10. 2013.
Öffnungszeiten (nach Voranmeldung): Samstag 13-17 Uhr. Dienstag – Freitag 14-18 Uhr.
Die Ausstellung wird von der Königlich Norwegischen Botschaft unterstützt.


Fakt und Fiktion – Der Künstler, sein Vater und das objektiv (Un)wahre

Munan Øvrelids Kunst befindet sich in einer luftigen Schwebe zwischen Rationalität und Irrationalität. Seine visuelle Poesie baut sich in einem dialektischen Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur, Nähe und Abstand sowie Kontrolle und Zufall auf.

Der Vater des Künstlers, ein pensionierter Mathematiker, hat sich in eine Hütte im norwegischen Gebirge zurückgezogen, wo er seinem neuen Hobby – der Beobachtung von Vögeln – nachgeht. Die Arbeiten in der Ausstellung basieren auf mathematischen Daten aus der Vogelwelt, die der Vater im Laufe eines langen Winters an einem Futterhäuschen aufgezeichnet hat. Das Forschungsmaterial wird von verschiedenen Rahmenbedingungen, der Forschungsmethode des Vaters sowie einer variierenden Forschungsaktivität bestimmt, welche sich in grafischen Intervallen ablesen lässt. Inmitten der Forschungsperiode wird der Forscher zum ersten Mal Großvater, ein Umstand, der sich in den grafischen Aufzeichnungen widerspiegelt. Der Lebenszyklus des Forschers fließt zusammen mit der Aktivität am Futterhäuschen in das Forschungsmaterial ein.

Øvrelids skulpturale und audiovisuelle Naturschilderungen fußen auf messbaren Daten, die in Grafiken und Protokollen aufgezeichnet sind, wobei sich die physischen Eigenschaften des Materials in der Konfrontation mit der Witterung frei entwickeln durften. Munan Øvrelid erstellt und deutet das mathematische Material seines Vaters mithilfe einer visuellen Logik, die ganz anderen Spielregeln als denen folgt, die sein Vater bei seiner wissenschaftlichen Arbeit anwendet. Die erhobenen mathematischen Daten enden in den Händen des Sohnes als visuelle Poesie.

Im Rahmen einer Reihe von Toninstallationen hat Øvrelid in Zusammenarbeit mit Marcellvs L eine systematische und objektive Methode erarbeitet, die bei den Tonaufzeichnungen des Vogelgesangs verwendet wird. Die Methode, die auf der Anzahl der in einem Monat aufgezeichneten Vogelbesuche basiert, resultiert in überaus unterschiedlichen organischen Tonkompositionen. Die Arbeiten beinhalten ein breites Spektrum von Lauten, welches sowohl echtes Vogelgezwitscher als auch ein vom Künstler selbst angestimmtes Gezwitscher umfasst. Eine andere Arbeit in der Ausstellung besteht aus einer Serie von grafischen Drucken, welche mithilfe von Stahlplatten gefertigt sind, die unterhalb des Futterhäuschens platziert wurden. Nach und nach werden die Stahlplatten von Vogelmist bedeckt und werden Teil des Ökosystems. Der Künstler transformiert die Stahlplatten in das ökonomische System der Kunstwelt, indem er grafische Drucke davon anfertigt, die zum Verkauf stehen. Zwei verschiedene (Öko)Systeme treffen aufeinander.

»Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit.«
(Albert Einstein)

Die Bausteine der Mathematik sind Formalismus, Notation, Symbole und klare Regeln, die auf der Jagd nach dem objektiv Wahren verwendet werden. Der Mathematiker ist der einzige Wissenschaftler, der behaupten kann, zu einer absoluten Wahrheit vorzustoßen. Hierbei geht es nicht um Wahrheiten über die Welt, in der wir alle leben, sondern um abstrakte Größen, die der Mathematiker selbst aufgestellt hat. Naturwissenschaften und Mathematik haben in der modernen Geschichte einander stets genährt. Für den Naturwissenschaftler ist die Mathematik ein wichtiges Werkzeug, und für den Mathematiker sind neue Entdeckungen im Bereich der Naturwissenschaften Basis für Experimente. Galileo Galilei war der erste moderne Denker, der behauptete, dass »die Gesetze der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben sind, und deren Buchstaben sind Kreise, Dreiecke und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Bild davon zu verstehen; ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.«

Mathematik ist reine Abstraktion. Doch aufgrund des Abstandes zu unserer physischen Welt zeigt sich vielleicht, dass dieses Gedankengebäude sehr gut dazu geeignet ist, die wirkliche Welt zu beschreiben und zu erklären. Heute kann man sagen, dass Galileo recht hatte: So gut wie alle modernen Naturwissenschaften, aber auch die Sozialwissenschaften, bedienen sich der Sprache der Mathematik. In Øvrelids Arbeitsprozess allerdings wird die abstrakte Wahrheit der Mathematik in physische Objekte transformiert, die von der chaotischen Subjektivität der Wirklichkeit geprägt sind.

Auch kunsthistorisch betrachtet lässt sich sagen, dass Munan Øvrelids Arbeiten in einer sich zwischen verschiedenen Richtungen bewegenden, luftigen Schwebe anzutreffen sind. Seine Arbeitsmethode weist Ähnlichkeiten mit denen solcher Künstler wie Guillaume Apollinaire, Kurt Schwitters oder Gerhard Rühm auf, die alle mit Begriffen wie Surrealismus und Konkreter Poesie verbunden werden. Unter aktuelleren zeitgenössischen Gesichtspunkten ließen sich in diesem Zusamenhang Künstler wie Hanne Darboven oder Marianne Heier anführen. Anders als Øvrelid deutet Darboven das verwendete Material allerdings mit wissenschaftlicher Logik, wohingegen Heiers poetische Strategie von den der Gesellschaft zugrunde liegenden Strukturen und Wertsystemen ausgeht. Wenn Heier einen Diamanten in die Wand einer Kunstinstitution einlässt, hinterfragt sie das Verhältnis zwischen Kunst und Kapital.

In seinem Buch »Die Ordnung der Dinge« schreibt Michel Foucault:

Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. (…)

Dieser Text zitiert „eine gewisse chinesische Enzyklopädie", in der es heißt, daß „die Tiere sich wie folgt gruppieren: 
a) Tiere, die dem Kaiser gehören, 
b) einbalsamierte Tiere, 
c) gezähmte, 
d) Milchschweine, 
e) Sirenen, 
f) Fabeltiere, 
g) herrenlose Hunde, 
h) in diese Gruppierung gehörende,
i) die sich wie Tolle gebärden,
k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, 
l) und so weiter. 
m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, 
n) die von weitem wie Fliegen aussehen."

Danach schreibt Foucault:

Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken."

Munan Øvrelids Arbeiten schaffen Öffnungen in verschiedene Richtungen und beinhalten verschiedene Bedeutungsschichten. Sie lassen sich als eine Untersuchung des Zusammenspiels zwischen Natur, Wissenschaft und Kunst betrachten. Gleichermaßen aber auch als Kritik an unserem Verhältnis zur Natur. Eine poetische Systemkritik.

Aage Langhelle